Vor etwa einem Jahr fragte uns ein Bekannter, ob wir uns vorstellen könnten, für ein paar Monate eine bolivianische Gastschülerin in unserer Familie aufzunehmen. Prinzipiell konnten wir uns schnell mit dem Gedanken anfreunden. Dennoch kamen einige Fragen für uns auf, die wir vorab geklärt haben wollten, z.B.:

Was ist, wenn das Mädchen ernsthaft erkrankt?
Was, wenn sie einen Haftpflichtschaden verursacht?
Inwieweit sind wir für sie haftbar?
Was tun wir, falls sie nicht wieder nach Hause möchte?
Welche Kosten entstehen uns überhaupt?
Gibt es einen Ansprechpartner, falls sie von Heimweh geplagt wird oder bei sonstigen Problemen?

Die Initiatoren des Schüleraustauschs konnten uns vorab, all diese Fragen beantworten. Die Schule die unsere Tochter besucht, nahm die Gastschülerin problemlos auf. Der Förderverein der Schule übernahm die Kosten für das Busticket. Ansonsten bereiteten wir uns darauf vor, einfach ein Kind mehr zu haben – auch hinsichtlich Kost und Logie.

Und so beschlossen wir, uns mit einem gesunden Optimismus auf das Abenteuer einzulassen.

Die Vorbereitungen

Bald gab es erste Kontakte zu Andrea und ihrer Familie per E-Mail. Andrea und unsere Tochter lernten sich aus der Ferne kennen, indem sie von sich erzählten und Fotos hin- und her schickten.

Für unsere Familie hieß es noch, das Zimmer vorzubereiten. Die Renovierungsarbeiten fielen wegen baulicher Überraschungen umfangreicher aus als geplant. Aber 3 Tage vor Andrea’s Ankunft war das „Gastzimmer auf Zeit“ fertig.

Ankunft/ erste Tage

Von den Initiatoren wurde Andrea am Flughafen abgeholt und bekam erste touristische Eindrücke vermittelt. Einen Tag später holten wir sie in Görlitz ab. Es war eine herzliche Begrüßung, als ob sich alte Freunde treffen würden. Wir hatten den Eindruck, dass Andrea unsere Sprache gut verstehen würde, und erzählten ihr eine Menge über unseren Ort und unsere Familie. Am Nachmittag nahmen wir sie gleich mit zu einem Fest in unserer Kirchgemeinde. Bei all unserem Eifer hatten wir völlig vergessen, dass Andrea mächtig mit dem Jetlag zu tun hatte und für sie plötzlich Tag und Nacht Kopf standen. Zum Glück sagte sie uns irgendwann, dass sie einfach schrecklich müde sei.

Am nächsten Tag, dem ersten Schultag, begleitete ich sie mit zur Schule, stellte sie der Klasse und den Lehrern vor und bat die Klasse, in einem guten Hochdeutsch und vor allem langsam mit ihr und untereinander zu sprechen, damit sie den Gesprächen folgen und daran teil haben könne. Unsere Tochter übernahm quasi das Patenamt, zeigte ihr in der Schule alles und begleitete sie

So begann der Alltag. Für uns etwas ungewöhnlich war, dass Andrea immer nur dann in den familiären Wohnbereich kam, wenn sie gerufen wurde und dass sie nach den Mahlzeiten sofort wieder in ihr Zimmer ging. Wir versuchten immer wieder, sie in alle familiären Aktivitäten einzubeziehen. Dabei merkten wir mit der Zeit, dass die Sprachbarriere doch größer war als zunächst vermutet. So fragte unsere Tochter dann oft gerade heraus.“ Hast du das verstanden?“ Und Andrea fragte mehr und mehr nach, wenn sie dies oder das eben nicht verstanden hatte.

Der Alltag

Die ersten Wochen vergingen wie im Flug. Andrea kompensierte das zeitige Aufstehen an Schultagen mit einem Nachmittagsschläfchen nach ihrer Rückkehr aus der Schule. Sie fragte oft nach deutschen Bezeichnungen für alles mögliche. Nach zwei Wochen ergab sich eine ausgiebige Plauderstunde für uns zwei, bei der sie mir einiges von ihrer Familie erzählte und mir strahlend berichtete, dass ihre (= die Gast-) Klasse super sei und fast alle Mitschüler schon ihre Freunde sind. Das war für uns bald deutlich zu spüren, in dem fast täglich jemand aus der Klasse zu Besuch kam. Dabei hatte sich nebenher eingeschlichen, dass man sich der Einfachheit halber englisch unterhielt. Ich habe die Mitschüler mehrfach darauf hingewiesen, dass dies nicht Zweck des Aufenthaltes von Andrea in Deutschland ist, sondern dass sie die Deutschkenntnisse während ihres Aufenthaltes hier vertiefen möchte. Beim Punkt „Übernachten“ mussten wir dann ein deutliches Wort sprechen, was Andrea jedoch ohne Murren akzeptierte.

Mehr und mehr nahm Andrea auch an unserem Familienleben und an Familienfesten teil. Vom Schulalltag berichtete sie immer wieder, dass sie in einigen Fächern dem Unterricht nicht folgen könne. Das machte es natürlich auch den Lehrern nicht leicht. Die Fächer, welche auch in ihrer Heimatschule in deutscher Sprache unterrichtet werden, bereiteten ihr weniger Probleme.

Andrea wurde im Laufe der Zeit immer selbstständiger. Sie fuhr allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln, traf sich mit Freunden usw. Hier mussten wir ihr dann einige Regeln mit auf den Weg geben, wie z.B. immer ein Personaldokument mit zu führen, uns Bescheid zu sagen, wo sie sei und wann sie zurück komme und nach 22 Uhr nicht ohne erwachsene Begleitung in der Öffentlichkeit zu sein. Wir erläuterten ihr die gesetzlichen Bestimmungen und Hintergründe unserer Anweisungen, und sie befolgte sie künftig.

Inzwischen bediente Andrea allein die Waschmaschine und den Geschirrspüler. Wenn sie einkaufen ging fragte sie, ob sie für uns etwas mitbringen solle. Wir hatten gelernt, dass sie andere Essgewohnheiten hatte als wir und versuchten, ihr so gut es ging entgegen zu kommen.

Die letzten Wochen

Etwa ab Beginn der Weihnachtsferien verbrachten Andrea und unsere Tochter sehr viel Zeit miteinander. Inzwischen waren sie fast wie Schwestern zueinander, plauderten über alles mögliche miteinander u.v.m.

Irgendwann gab es den ersten Schnee. Das musste Andrea gleich begeistert ihrem kleinen Bruder mitteilen. Und dann gingen die Mädchen einen Schneemann bauen. Andrea hatte sichtlich Freude daran.

In den letzten Wochen machte Andrea viele Erinnerungsfotos von Freunden und unserer Familie. Kurz vor ihrer Abreise konnte sie sogar noch ein neugeborenes Familienmitglied in der Klinik mit besuchen.

Abschied

Kurz vor der Heimreise kaufte Andrea eine Menge Geschenke für ihre Familie. Letzten Endes waren die Koffer zu schwer, und einige persönliche Dinge wurden kurzerhand an unsere Tochter weiter gegeben. Auf dem Weg zum Flughafen meinte Andrea, nun habe sie zwei Familien – eine in Bolivien und eine in Deutschland. Ein größeres Lob konnte sie uns wohl kaum sagen. Auch uns war sie fast wie ein eigenes Kind ans Herz gewachsen. Insofern war der Abschied am Flughafen nicht leicht.

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